#BauenmitLeidenschaft: „Gefühlt ohne Schlaf, voller Action“ – Interview mit Anna Schildhauer

Anna Schildhauer (28) arbeitet seit Februar 2025 für die Hamburger Niederlassung der LEONHARD WEISS GmbH & Co. KG als Bauleiterin im Konstruktiven Ingenieurbau. Ihr Projekt: Der Bau der 135 Meter langen Fußgänger- und Radwegbrücke vom östlichsten Punkt der HafenCity über den Oberhafenkanal zum Elbpark Entenwerder im Stadtteil Rothenburgsort. Höhepunkt des bald vollendeten Werks war der Einhub des zentralen Brückenteils per Schwimmkran am 4. September vergangenes Jahr. So berichtete der NDR darüber: www.ndr.de/nachrichten/hamburg/neue-fuss-und-radwegbruecke-in-entenwerder-eingehoben,entenwerder-104.html. Wir treffen die in Hohn bei Rendsburg aufgewachsene Bauingenieurin im Baucontainer – nur einen Steinwurf vom Elbtower und der S-Bahn-Station Elbbrücken entfernt.

Frau Schildhauer, wie war Ihr Weg zu diesem Job hier, ganz in der Nähe von Hamburgs bekanntester Baustelle?

Während meines Studiums an der Hochschule Wismar zur Bauingenieurin habe ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Baudynamik gearbeitet und da schon eine Vorliebe zum Brückenbau entwickelt. Später im Studium habe ich in der Tragwerksplanung im Ingenieurbau gearbeitet und mich dann nach der Masterarbeit entschieden, zunächst den Fokus auf die Umsetzung von Brückenbauwerken zu legen. Vor dem Studium hatte ich eine Ausbildung in Büdelsdorf zur Industriekauffrau gemacht und da gemerkt, dass die Organisation mir sehr viel Spaß bereitet – ebenso wie die Zusammenarbeit mit Menschen und der Erfolg, gemeinsam als Team etwas zu schaffen. Und ja, dann habe ich gemerkt, dass der Brückenbau wirklich ein sehr, sehr spannender Bereich ist. Ich bin dann in die Bauleitung gegangen – mit dem Hintergedanken, auf Grundlage von den Plänen erstmalig eine Brücke wirklich umzusetzen. So habe ich mich entschieden, die Aufgabe anzunehmen, eine Baustelle zu leiten.

Warum hat Sie das Projekt hier am markanten Einfahrtspunkt zur Hamburger Innenstadt so gereizt?

Dieses Projekt von LEONHARD WEISS fand ich deswegen so spannend, weil ich schon im Studium im Bereich Schwingung geforscht und wir an der Hochschule Wismar unter anderem auch ein Patent für einen Schwingungstilger für horizontal schwingende Bauwerke angemeldet haben. Als mir dann vorgestellt wurde, dass bei diesem Brückenbauwerk aufgrund der schlanken und damit materialsparenden Bauweise auch Schwingungstilger verbaut werden, war mir klar, dass ich hier anfangen möchte.

War es schon länger Ihr Ziel, Bauleiterin zu werden?

Mein Traumberuf war lange Zeit, Architektin zu werden. Nach der Ausbildung zur Industriekauffrau habe ich noch einige Monate in der Logistik gearbeitet, um die Zeit bis zum Studium zu überbrücken. Dabei habe ich gemerkt, dass die Zusammenarbeit mit Menschen und draußen den Fortschritt zu sehen, etwas geschafft zu haben, wirklich Riesenspaß bringt. Nach dem Studium habe ich dann beschlossen, dass ich in die Bauleitung gehe, um die Herausforderungen der Architekten anzunehmen und diese umzusetzen.

Wie sind Sie mit der anspruchsvollen Aufgabe umgegangen, in die Sie ja – quasi im kalten Wasser schwimmend – plötzlich vor sich hatten?

Von Bauherrnseite ist hier schon ein sehr geballtes Aufgebot, das hier auf der Baustelle beteiligt ist. Ich habe gleich von Anfang an meine Position deutlich gemacht: Ich möchte etwas Großes bewegen und schaffen. Auch habe ich klar kommuniziert, dass nicht nur die Baufirma allein das hier baut, sondern dass das ein Zusammenspiel von Bauherr und Bauunternehmen ist. Ich habe ganz viel lernen dürfen von meinen Kollegen – und so bin ich jeden Tag ein Stück weitergewachsen. Es gab natürlich jeden Tag neue Herausforderungen, die zu meistern waren oder weiterhin zu meistern sind. Dennoch habe ich mich jeden Tag weiterhin bestärkt gefühlt, als Bauleiterin zu arbeiten und ein bisschen besser zu werden.

Wie haben Sie die Tage des Einhubs der Brückensegmente in Erinnerung?

Das war auf jeden Fall eine Zeit voller Adrenalin. Gefühlt ohne Schlaf, voller Action. Es ging darum, die ganze Zeit alle Herausforderungen im Blick zu haben. Insbesondere die Fahrten mit dem Schwimmkran über die Norderelbe unter einer Stromtrasse hindurch, dann die wechselnden Wasserstände durch die Gezeiten, die wir immer auszugleichen hatten. Und als dann der Brückenschlag kurz bevorstand, war die Vorfreude groß, jetzt heute über die Brücke endlich gehen zu können und allen zu zeigen, dass die Vorarbeit sich ausgezahlt hat und die Brücke zum Ende des Tages dann auch schon begehbar ist.

Rückblickend kann ich auf jeden Fall sagen, wenn ich an diese erste Septemberwoche 2025 denke und wir an vier Tagen die drei mittleren Brückensegmente eingehoben haben, dass dieser Schwimmkran-Einsatz mit viel Vorbereitung verbunden war. Auf die Teamarbeit kam es an, um wirklich alle mit ins Boot zu holen, alle mitzunehmen. Der bürokratische Part war ehrlicherweise sehr aufwendig. Am Ende hat sich die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten ausgezahlt – und es hat alles reibungslos funktioniert. Wir können alle, insbesondere als Team, stolz sein, dass wir das geschafft haben. Ich schaue immer mit wirklich großem Stolz und positiven Erlebnissen auf die Zeit zurück.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?

Die Vielseitigkeit. Jeden Tag neue Herausforderungen. Kein Tag ist wie der andere. Und jeden Tag kann man noch so gut alles durchgeplant haben und bedacht haben: Es passiert immer wieder etwas, worauf man sich neu einstellen muss. Das ist das, was es jeden Tag so spannend macht. Und zu wissen, dass man als Team funktioniert: Das ist schon ein großer Punkt, der mir echt viel Spaß bringt. Mir wurde auch beigebracht: Keine Entscheidung zu treffen, ist prinzipiell die falsche Entscheidung. Wenn es dann doch mal nicht so klappt wie erwartet, steht man immer als Team zusammen und organisiert dann schnellstmöglich wieder einen anderen Weg.

Mit wie vielen Menschen arbeiten Sie hier zusammen? Wie wurden Sie als Bauleiterin aufgenommen?

Wir sind mit sechs Personen im Projekt. Vom Polier über die fleißigen Hände draußen bis hin zur Arbeitsvorbereitung und Abrechnung. Zu Hoch-Zeiten waren wir noch mehr. Da haben wir noch ein größeres Aufgebot gebraucht. So haben wir das Projekt bis heute abgewickelt und werden es auch noch erfolgreich abschließen. Bisher habe ich immer das Gefühl gehabt, dass ich so, wie ich auftrete und meine Ziele vermittle, auch akzeptiert werde, sodass wir jeden Tag das gemeinsam schaffen, was wir erreichen möchten. Ich merke in meinem Team nicht, als Frau anders wahrgenommen zu werden.

Was hilft Ihnen in Ihrem Arbeitsalltag, wenn es mal schwierig wird?

Einmal frische Luft schnappen und über die Baustelle gehen – das hilft immer sehr, gerade hier in Entenwerder an der Norderelbe, mit dem Wasser direkt vor der Tür und seit dem Brückenschlag sogar bis über den Oberhafenkanal hinweg.

Das bringt mir neue Ideen, neue Lösungsansätze und da wird der Kopf gerade hier bei uns in Hamburg einmal wieder freigepustet –dann geht’s mit neuer Kraft wieder an die Sache.

Was sagen Sie jungen Menschen, warum es sich lohnt, in der Baubranche zu arbeiten?

Auf jeden Fall bringt die Abwechslung und Vielseitigkeit einen Riesenpluspunkt mit sich. Gerade in der Bauleitung: Man wechselt zwischen Bürotätigkeit und den Arbeiten auf der Baustelle. Man führt Baubesprechungen, Gespräche mit Nachunternehmern und dem Bauherrn. Also ist kein Tag wie der andere, und ganz besonders ist die Kommunikation und der Umgang mit den Menschen. Das ermutigt mich immer sehr und zeigt, dass man in der Baubranche doch ganz schön etwas bewegen kann. Wer Lust hat, jeden Tag einen anderen Arbeitstag zu haben und dazuzulernen, der ist in der Baubranche auf jeden Fall richtig.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Mein neues Projekt sind die Massivbauarbeiten für den Ersatzneubau der U-Bahn-Brücke in Hamburg-Ohlsdorf. Da haben wir den Auftrag, die neuen Widerlager zu errichten und zeitgleich die Demontage des Bestandsüberbaus vorzunehmen. Die Demontage erfolgt Mitte Juli. Mitte August kommt die neue Brücke schon rein. Wir haben da einen straffen Zeitplan. Ende des Jahres wollen wir die Baustelle schon wieder an den Bauherrn übergeben haben. Das ist mein neues Projekt, was aktuell so ein bisschen parallel läuft. Und meine Pläne für die Zukunft sind auf jeden Fall weiterhin im Brückenbau tätig zu sein – durch den Brückenbau die Infrastruktur instand zu halten und erforderliche neue Brücken zu bauen. Vielleicht wartet ja auch noch mal so ein Schwimmkraneinsatz auf mich. Der hier vor der Tür hat auf jeden Fall gezeigt, dass die Arbeiten am Wasser mir Riesenspaß bereiten.

Frau Schildhauer, vielen Dank für das Gespräch!